Herrschende Klasse in den USA nutzt Pandemie, um Angriffe auf Arbeitsplätze und Löhne auszuweiten

Von Jerry White
30. Mai 2020

Das US-Arbeitsministerium hat bekannt gegeben, dass in der letzten Woche weitere 2,1 Millionen Anträge auf Arbeitslosenunterstützung eingegangen sind. Damit steigt die Gesamtzahl der Arbeiter, die seit Beginn der Pandemie Mitte März finanzielle Hilfestellung beantragt haben, auf 40,8 Millionen. Mit dem Ausbruch des Coronavirus wurde die Wirtschaftstätigkeit der Vereinigten Staaten großflächig heruntergefahren.

Mittlerweile sind real 24,7 Prozent der 164,5 Millionen Erwerbsfähigen in den USA arbeitslos. Ökonomen erwarten, dass die offizielle Arbeitslosenquote im Mai, die nächsten Freitag veröffentlicht wird, bei 20 Prozent liegen wird. Die Quote für den April lag bei 14,7 Prozent.

Allerdings verschleiern die offiziellen Zahlen das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe. Der bisherige Rekordwert von 24,9 Prozent, der 1933 auf dem Höhepunkt der Großen Depression erreicht wurde, ist längst überschritten. Millionen Arbeitslose fallen aus der offiziellen Statistik heraus, da es sich um Immigranten ohne Papiere, Selbstständige oder Tagelöhner in der Gig-Economy handelt, die die ohnehin aussichtslose Suche nach einem Job aufgegeben haben. Weitere Millionen Menschen gelten außerdem nicht als arbeitslos, da ihre Anträge bisher unbearbeitet blieben und somit keine offizielle staatliche Unterstützung nachgewiesen werden kann.

Hunderte vom Covid-19-Ausbruch betroffene Amerikaner warten vor einer Einrichtung der Heilsarmee im Bundesstaat Massachusetts, um Lebensmittel zu erhalten. (AP-Foto/Charles Krupa)

In mehreren Bundesstaaten ist die Arbeitslosenquote extrem angestiegen, darunter Washington (31,2 Prozent), Nevada (26,7), Florida (25,0), Hawaii (23,4), Michigan (23,1), Kalifornien (20,6) und New York (19,9).

Einem Bericht der University of Chicago zufolge gelten 42 Prozent der abgebauten Arbeitsplätze als dauerhaft vernichtet. Großkonzerne nutzen die Pandemie, um Pläne zur Umstrukturierung, die bereits lange vor der Krise in der Schublade lagen, beschleunigt umzusetzen.

Diese Woche kündigte Boeing den Abbau von 13.000 Arbeitsplätzen an, besonders in den Vereinigten Staaten, aber auch in Kanada, Australien und Neuseeland. American Airlines, das einen beträchtlichen Anteil der staatlichen Rettungsgelder, die für Fluggesellschaften vorgesehen waren, erhalten hat, wird 5.000 Arbeitsplätze streichen. Das entspricht 30 Prozent der Belegschaft.

Weltweit zeigt sich eine ähnliche Entwicklung. Die französische Regierung hat dem Bündnis der Automobilhersteller Renault, Nissan und Mitsubishi zunächst ein milliardenschweres Rettungspaket gewährt, anschließend wurden Pläne für Werksschließungen in Frankreich, Spanien und anderen Ländern bekannt. Mehr als 20.000 Arbeitsplätze werden dadurch zerstört. Der deutsche Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen will bis 2025 rund 15.000 Stellen bzw. 10 Prozent seiner Belegschaft abbauen, die Hälfte davon in Deutschland.

Obwohl die Realeinkommen der Arbeiter ohnehin seit zehn Jahren rückläufig sind, drohen nun erneute Lohn- und Leistungskürzungen. Sie werden alle Branchen betreffen: von Krankenschwestern, Angestellte des Einzelhandels, Lieferanten und Arbeiter in systemrelevanten Jobs (die von den Medien als „Helden“ gefeiert werden) bis hin zu Büroangestellten bei Google, Facebook, Twitter, JPMorgan Chase, Walmart und anderen Unternehmen. Wobei letztere besonders die Möglichkeiten des Homeoffice ausweiten.

„Wenn die Menschen von zu Hause aus arbeiten, ergeben sich Lohnkostenvorteile“, stellte das Magazin Forbes kürzlich fest. Die Unternehmen „begreifen, dass eine Person, die von zu Hause aus in Montana arbeitet und ähnliche Fähigkeiten wie jemand aus Chicago hat, sehr viel weniger Lohn verlangt. Es wird Mitarbeitern zunehmend erschwert, über Lohnerhöhungen zu verhandeln, da die Vorgesetzten innerhalb der Vereinigten Staaten oder auch im Ausland leicht Ersatz finden können.“

Indes teilen die Konzerne, die von der amerikanischen Regierung milliardenschwere Rettungspakte erhalten haben, das Geld mit vollen Händen an ihre Führungskräfte und Investoren aus.

Um angeblich auch ein „Opfer“ zu bringen, haben Großunternehmen angekündigt, die Grundgehälter ihrer Vorstandsvorsitzenden zu kürzen. Doch das ist alles nur Show. Die Grundgehälter entsprechen gerade einmal einem Zehntel des Durchschnittsgehalts eines Vorstandsvorsitzenden der 500 größten US-Unternehmen; der Großteil stammt aus Aktiengewinnen.

Reuters stellte auf Grundlage behördlicher Untersuchungen fest, dass zahlreiche Unternehmen (darunter Uber, Delta Air Lines und die Hotelkette Hilton) Maßnahmen eingeführt haben oder in Erwägung ziehen, um ihre Spitzenkräfte vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu schützen. Dafür wurden Gehälter angepasst, selbst als die Gewinne bereits einbrachen und tausende Arbeitsplätze abgebaut wurden.

Reuters berichtet weiter, dass das Unternehmen Sonic Automotive, das fast 100 Autohäuser betreibt, seinen „Vergütungsplan für leitende Angestellte geändert hat, sodass ab dem Jahr 2021 Unternehmensaktien zu den niedrigen Preisen vom 9. April 2020 erworben werden können. Ihr Wert ist seit dem 10. April um 67 Prozent gestiegen. Grund hierfür ist die Aktienblase, die durch die Intervention der Fed sowie durch den massiv staatlich geförderten Kaufanreiz entstanden ist. Die Entscheidung fiel vor dem Hintergrund des Umsatzeinbruchs um etwa 40 Prozent seit Beginn der Pandemie im Vergleich zum Vorjahr sowie 3.000 gestrichener Arbeitsplätze.“

Die einstimmige Verabschiedung des CARES Act durch die Demokraten und Republikaner Ende März ermöglichte es dem US-Finanzministerium, faule Schuldtitel in Billionenhöhe zu übernehmen. Seitdem sind die Aktienkurse um 35 Prozent in die Höhe geschossen und liegen damit nur noch 10 Prozent unter dem Rekordhoch aus der Zeit vor der Pandemie.

Seit der Unterzeichnung des CARES Act durch US-Präsident Donald Trump am 27. März ist die Zahl der Covid-19-Opfer in den USA von 1.700 auf über 103.000 gestiegen. Millionen Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren, stehen vor karitativen Einrichtungen Schlange, um Lebensmittel zu erhalten und sind von Zwangsräumungen bedroht, da Zahlungen für Mieten und Immobilienkredite nicht länger gestundet werden. Innerhalb desselben Zeitraums ist das Nettovermögen der amerikanischen Milliardäre um 434 Milliarden Dollar gestiegen.

Die herrschenden Klassen aller Länder verfolgen dieselbe mörderische Politik, um die Arbeiter zurück an ihre Arbeitsstätten zu drängen, während sich die Pandemie weiter ausbreitet. Immer mehr Gebiete in den USA sind vom Coronavirus betroffen, ebenso Mexiko, Brasilien, Indien und zahlreiche weitere Länder. Überall versuchen die Regierungen wirtschaftlichen Druck auf die Arbeiter auszuüben. Trump plant, die Zahlung von 600 Dollar Arbeitslosenunterstützung pro Woche durch einen zeitlich befristeten „Back to Work“-Bonus in Höhe von 450 Dollar zu ersetzen, der wöchentlich zum Gehalt ausgezahlt werden soll.

Für die herrschende Klasse sind Arbeiter nichts anderes als „Humankapital“. Dieses kann für die Erwirtschaftung von Profiten wieder zurück an die Arbeit getrieben werden, um die Rettungsaktionen für die Superreichen zu bezahlen.

Arbeiter lassen sich allerdings nicht wie Vieh zur Schlachtbank führen. Bereits vor der Pandemie hatte weltweit ein starkes Wachstum sozialer Kämpfe und eine politische Radikalisierung der Arbeiterklasse eingesetzt. In den USA fanden die größten Streiks seit Jahrzehnten statt. Die Reaktion der herrschenden Klasse auf die Pandemie wird zu einer enormen Ausweitung des Klassenkampfs führen.

Kein Arbeiter darf sich vor die Wahl stellen lassen, zwischen Leben und Lebensunterhalt zu entscheiden. Der Kampf sowohl gegen die Pandemie als auch gegen die soziale Katastrophe, die der Arbeiterklasse droht, ist ein Kampf gegen die Finanzoligarchie und das kapitalistische System. Schließt euch dem Kampf für den Sozialismus an!