Rekordhitze in Sibirien und die brennende Gefahr des Klimawandels

Von Daniel Jakob
14. Juli 2020

2020 ist das heißeste Jahr in Sibirien seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 130 Jahren. Russische Städte im Polarkreis verzeichneten Rekordtemperaturen. In Nizhnyaya Pyosha wurden am 9. Juni 30 Grad Celsius gemessen und in Chatanga, das normalerweise Tagestemperaturen von etwa 0 Grad Celsius zu dieser Jahreszeit aufweist, 25 Grad Celsius am 22. Mai. Der bisherige Rekord lag bei 12 Grad Celsius.

In Werchojansk, eine russische Stadt in Ostsibirien, ist die Lage noch extremer. Die Kleinstadt liegt in Jakutien und galt bislang als eine der kältesten Städte der Welt. Nun twitterte der Meteorologe Mika Rantanen, dass Werchojansk mit satten 38 Grad Celsius einen neuen Hitzerekord aufgestellt habe. Die Aufzeichnungen werden seit 1885 geführt. Mindestens elf weitere Stationen hätten Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius gemessen.

Laut einer Mitteilung des Copernicus Climate Change Service (C3S) lagen die Oberflächentemperaturen in Teilen Sibiriens im Monat Mai bis zu 10 Grad Celsius über dem Durchschnitt. Freja Vamborg, eine leitende Wissenschaftlerin des C3S, sagte: „Es ist zweifellos ein alarmierendes Zeichen, aber nicht nur der Mai war ungewöhnlich warm in Sibirien. Der ganze Winter und Frühling hatte wiederholt Perioden von überdurchschnittlichen Oberflächenlufttemperaturen.“

Wissenschaftler erklären, dass die Rekordhitze in Sibirien eine extreme Konsequenz des globalen Klimawandels ist. Martin Stendel vom Dänischen Meteorologischen Institut teilte mit, dass die ungewöhnlichen Maitemperaturen im Nordwesten Sibiriens wahrscheinlich nur einmal in 100.000 Jahren ohne vom Menschen verursachte globale Erwärmung eintreten würden.

Laut der Geomorphologin Anna Irrgang vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Potsdam seien extreme Wetterereignisse in dieser Region nichts Ungewöhnliches. Neu sei jedoch, mit welcher Häufigkeit diese auftreten. Auch Mika Rantanen warnt, dass die Erwärmung in der Arktis drei- bis viermal schneller verläuft als der weltweite Durchschnitt. Klimawissenschaftler Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt: „Neu ist an diesem ‚Phänomen‘, dass die Erwärmung Sibiriens nicht kurzfristig zu beobachten ist und damit nicht durch das Windsystem der Jetstreams zu erklären ist: denn er dauert ca. ein bis zwei Wochen und nicht fünf Monate an.“

Besonders kritisch ist das Auftauen des Permafrostbodens. Die Permafrostböden, die etwa die Hälfte der russischen Landmasse bedecken, haben sich schon seit längerem erwärmt. Eine globale Vergleichsstudie des internationalen Permafrost-Netzwerks GTN-P (Global Terrestrial Network for Permafrost) zeigte 2019, dass in allen Gebieten mit Dauerfrostböden die Temperatur in mehr als zehn Metern Tiefe im Zeitraum von 2007 bis 2016 um durchschnittlich 0,3 Grad Celsius gestiegen ist.

Besonders hoch fiel die Erwärmung in Sibirien aus: Dort erwärmte sich der gefrorene Boden an einzelnen Bohrlöchern um 0,9 Grad Celsius. In Bohrlöchern in der Antarktis verzeichneten die Forscher einen Anstieg um 0,37 Grad Celsius. Der Klimawandel wirkt sich Experten zufolge in Regionen mit Dauerfrostböden vor allem in Alaska, Kanada und Sibirien deutlich stärker aus als in vielen anderen Erdteilen. Nach Angaben des Weltklimarats IPCC sind die Temperaturen im Permafrost in den vergangenen 40 Jahren auf Rekordwerte gestiegen und das nach Millionen von Jahren mit Temperaturen wie in einer Kühltruhe.

Die Konsequenzen für Mensch und Natur sind dramatisch. Seit Jahren versinken die Holzhäuser im ostsibirischen Jakutsk in den aufgeweichten Boden oder kippen langsam zur Seite. Auf der nordwestsibirischen Jamal-Halbinsel versinken die Rentiere im Sumpf. Die Hirten klagen, dass sie nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Tieren von den Winter- auf die Sommerweiden wechseln sollen. Im skandinavischen Lappland verhungern Rentiere bereits, weil sie Eis im Gegensatz zu Schnee nicht mit den Hufen wegscharren können und so nicht an Futter im Boden gelangen.

Im Dezember kommentierte Russlands Präsident Wladimir Putin die ungewöhnliche Hitze: „Einige unserer Städte wurden nördlich des Polarkreises, auf dem Permafrost, gebaut. Wenn es zu tauen beginnt, können Sie sich vorstellen, welche Folgen es hätte. Es ist sehr ernst.“

Das ist vor allem Heuchelei. Tatsächlich unternimmt die russische Regierung kaum etwas für den Umweltschutz, sondern sieht die Erwärmung der Polarregion, wie ihre internationalen Konkurrenten, als strategische Chance für die Erschließung neuer Rohstoffquellen und Handelswege. Im August 2019 hat die russische Regierung als Bestandteil des neuen Wettlaufs um die Arktis ein schwimmendes Atomkraftwerk vom Stapel gelassen, das die Gefahr neuer nuklearer Unfälle heraufbeschwört.

Die überdurchschnittlich starke Erwärmung in Sibirien wird auch wesentlich für die Ölkatastrophe von Norilsk verantwortlich gemacht. Diese ist nur ein weiteres Beispiel, wie Russland zugunsten der Profite den Umweltschutz missachtet. Am 29. Mai führte ein Unfall in einem Kraftwerk des Berbaukonzern Nornickel in der Nähe der nordsibirischen Stadt Norilsk zu einer massiven Ölpest. Dabei wurden 21.000 Tonnen Diesel in die Umwelt freigesetzt und verseuchten die umliegenden Gewässer, woraufhin der Notstand für die Region ausgerufen wurde.

Eine weitere sehr bedenkliche Folge der Hitze ist, dass durch das Tauen von Permafrostböden große Mengen an Gasen freigesetzt werden, die erneut dazu beitragen können, dass sich unser Klima erwärmt. Solche Hitzewellen sind somit Katalysatoren für den Klimawandel. Unter anderem wird Methan frei, ein äußerst potentes Treibhausgas. „Methan ist auf eine Sichtweise von 100 Jahren etwa 34-mal so klimawirksam wie CO2, auf eine Sichtweise von 20 Jahren sogar circa 86-mal so klimawirksam“, sagt Guido Grosse vom Helmholtz-Zentrum.

Es wird aber nicht nur viel Kohlenstoff und Methan frei, die an den Polen eingelagert sind, sondern auch das Nervengift Quecksilber. Die Polarregionen der Erde bergen riesige Mengen des Schwermetalls. Es gelangt in gasförmigem Zustand mit Luftströmungen dorthin. Infolge chemischer Reaktionen mit Brom-Salz wird das giftige Gas aus der Atomssphäre „gewaschen“ und auf der Erdoberfläche abgelagert.

Auf diese Weise gelangt das über Jahrtausende angesammelte Quecksilber auch in die Nahrungskette der Meere. Zuerst zu den Meerestieren, dann auch zu den Robben und Eisbären. Schließlich zu den Menschen, die auf Fischfang angewiesen sind.

Nachweisbar ist es zum Beispiel im Blut verschiedener Robben-Arten, die in der Antarktis leben. Wie schnell das passiert, hängt davon ab, wie stark sich in den nächsten Jahrzehnten das Klima erwärmt. „Die Vorhersagen reichen von 30 Prozent bis 99 Prozent des Permafrosts, der bis zur nächsten Jahrhundertwende auftaut. Was in einem natürlichen Kreislauf Tausende bis Millionen Jahre dauern würde, passiert jetzt in einer menschlichen Lebensspanne“, sagt Paul Schuster vom Geological Service in den USA.

Durch die Rekordhitze wüten in über hunderttausenden Hektar sibirischer Wälder Waldbrände. Im Frühjahr zünden Bauern oft Feuer an, um die Vegetation zu säubern, eine Kombination aus hohen Temperaturen und starken Winden ließen einige Brände außer Kontrolle geraten. So brannte am 27. Juni 2020 eine Fläche von 1,4 Millionen Hektar – mehr als fünf Mal so groß wie das Saarland. Im vergangenen Jahr brannten nach Schätzungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace 150.000 Quadratkilometer ab, eine Fläche mehr als doppelt so groß wie Bayern. Wochenlang litten Menschen in vielen sibirischen Städten unter giftigem Rauch.

Waldbrände im Trans-Baikal-Nationalpark (Russian Emergency Ministry Press Service via AP)

Die Problematik, dass der Umweltschutz den Profitinteressen untergeordnet wird, beschränkt sich nicht auf Russland. Das ist das Markenzeichen aller kapitalistischen Regierungen. Um Bauvorhaben schneller umzusetzen und angeblich Arbeitsplätze zu schaffen, unterzeichnete Präsident Trump am 5. Juni eine Exekutivanordnung, in der er sich auf die Notfallbehörde berief, um die Bestimmungen für den Umweltschutz in den USA massiv aufzuweichen. Ein anderes Beispiel sind die tragischen Waldbrände in der Ukraine, die sich am 4. April im Umkreis von nur einen Kilometer um das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl ausbreiteten und die Strahlungswerte in der Nähe der Waldbrände in der ersten Aprilhälfte massiv erhöhten.

Naturkatastrophen bedingt durch den Klimawandel und fahrlässige Umweltzerstörung durch Großkonzerne geschehen immer häufiger. Die Rekordhitze und Brände in Sibirien folgen nur ein Jahr nach den katastrophalen Bränden in Australien.

Anfang des Jahres warnte die World Socialist Web Site in einer wichtigen Erklärung: „Das letzte Jahrzehnt war von einer anhaltenden und immer schnelleren Umweltzerstörung geprägt. Immer dringender werden die Warnungen der Wissenschaftler. Werden nicht umgehend weitreichende Maßnahmen auf internationaler Ebene ergriffen, werden die Auswirkungen der globalen Erwärmung verheerend und unumkehrbar sein.“

Die einzige Möglichkeit die Erderwärmung zu begrenzen und der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur ein Ende zu setzen, liegt im Kampf der internationalen Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus. Nur im Rahmen einer sozialistischen Planwirtschaft, die anstelle des Strebens nach privatem Profit und nationalistischer Kontrolle über Rohstoffe und Ressourcen die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, können die Gefahren durch den Klimawandel bewältigt werden.