Whistleblower ergreifen das Wort

Behörden vertuschen Corona-Fälle an Schulen und Kitas

Von Martin Nowak und Gregor Link
21. September 2020

Während Ende der Sommerferien bereits an hunderten Lehr- und Betreuungseinrichtungen Infektionsfälle aufgetreten sind, setzen Schul- und Gesundheitsbehörden, sowie die Bundes- und Landesregierungen mit der Unterstützung der Gewerkschaften alles daran, die lebensbedrohliche Politik der Schulöffnungen im Regelbetrieb weiter voranzutreiben und Ausbrüche zu vertuschen.

Ein Bericht des Spiegel zitierte gestern den Brief eines Hamburger Lehrers an die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit den Worten: „Die Verdachtsfälle häuften sich in der letzten Woche und Kinder in zweistelliger Anzahl wurden täglich nach Hause geschickt. Von diesen ist nicht bekannt, ob überhaupt welche getestet wurden, und welche davon positiv waren, denn es bestand dazu keine Informationspflicht.“

Ein anderer schreibt: „Seit Montag ist auch ein Oberstufenschüler betroffen, der im Krankenhaus liegt und mit schwerem Verlauf beatmet werden muss. Es ist bedrückend für alle, wenn ein Mitschüler um sein Leben kämpft. Tagelang. Der Ausgang ist noch unklar.“

Der Spiegel berichtet weiter vom Fall der Theodor-Heuss-Realschule in Dortmund, wo es bereits vor zwei Wochen einen positiven Corona-Fall gegeben hatte. Auf Anweisung der Behörden hatte die Schulleitung lediglich die Sitznachbarn der infizierten Schüler in häusliche Quarantäne geschickt. Weitergehende Informationen würden von den Behörden nicht zur Verfügung gestellt, so der Spiegel weiter:

„Bundesweit mussten im neuen Schuljahr bereits etliche Schulen vorübergehend komplett schließen oder einzelne Klassen und Jahrgänge wurden in Quarantäne geschickt. Wie viele Schulen bundesweit betroffen sind, erfassen die Behörden statistisch nicht.“

Im Kampf gegen die Pandemie und für vollständige Transparenz des Infektionsgeschehens sind Pädagoginnen und Pädagogen indes auch mit den Gewerkschaften selbst konfrontiert. So ergab eine aktuelle GEW-Umfrage, dass mehr als 70 Prozent ihrer Mitglieder sich vor der tödlichen Covid-19-Pandemie „nicht ausreichend geschützt“ fühlen, und eine Mehrheit eine Maskenpflicht im Unterricht befürwortet. Die Haltung der GEW, die eine Maskenpflicht im Unterricht stets vehement abgelehnt hat, fasst der Spiegel mit den Worten zusammen, eine erneute Schließung der Schulen „muss möglichst vermieden werden“.

Patrizia*, eine Horterzieherin aus einer baden-württembergischen Großstadt, zeichnete gegenüber der World Socialist Web Site ein schonungsloses Bild von den Folgen der rücksichtslosen Schulöffnungen im Regelbetrieb, das ein Schlaglicht auf die „Back-to-work“-Politik der herrschenden Eliten in jedem Land wirft.

„Ich arbeite an einer Integrationseinrichtung, einer sogenannten ‚Brennpunktschule‘ mit über 300 Kindern aus sozial schwachen Familien, von denen 98 Prozent auf Bonuskarten angewiesen sind. Ursprünglich waren wir 22 Betreuer im Hort.“ Aufgrund der katastrophalen Unterbesetzung hatte Patrizias Einrichtung, eine kleine alte Ganztagsschule mit separatem Hortgebäude, in der Vergangenheit bereits eine Überlastungsanzeige gestellt – der Träger stellte daraufhin jedoch lediglich eine einzige Ersatzerzieherin ein, die zurzeit krankgeschrieben ist.

„Die trägereigenen Angestellten kündigen regelmäßig, da es für eine Kraft viel zu viel zu tun ist“, erläutert Patrizia. Mittlerweile hätten drei ihrer Kolleginnen und Kollegen ein Burn-Out erlitten. „Viele andere Kollegen gehören zur Risikogruppe und wurden deshalb freigestellt oder mit Büroarbeit im Home-Office betraut – insgesamt sind wir damit derzeit nur neun Erzieher.“ Als Patrizias Team kürzlich beschloss, die Öffnungszeiten zu verkürzen, um den Spät- und Frühdienst nicht mehr voll abdecken zu müssen, sei die Schulbehörde umgehend eingeschritten. Eine derartige Notmaßnahme, hieß es, sei „nicht rechtens“, weil „die Eltern für das Betreuungsverhältnis bezahlt“ hätten.

In Wirklichkeit kann mit durchschnittlich 33 Kindern pro Mitarbeiter von einem „Betreuungsverhältnis“ keine Rede sein. Doch derselbe verheerende Mangel, stellt Patrizia fest, herrsche an allen Ecken und Enden der Einrichtung:

„Die Hygiene fehlt total! Wir haben nicht einmal einen aktiven Reinigungsdienst. Wenn wir Erzieher nicht zwischendurch fix mal die Tische desinfizieren würden, würde aktuell nichts gereinigt werden – nicht einmal die Toiletten. Anlässlich von Corona hat die Schulleitung jetzt erstmals ernsthaft überprüft, ob in den Toiletten genügend Seife vorhanden ist. Weil wir vom Träger pro Person lediglich zwei Stoffmasken erhalten haben, habe ich auf eigene Kosten eine FFP2-Maske kaufen müssen.“

Auch der Schutz vor Aerosolen – der wichtigsten Ausbreitungsform des Coronavirus – sei nicht gewährleistet: „In unseren Klassenräumen hängt vor den Lehrern eine Plexiglasscheibe und auf dem Boden befinden sich Aufkleber, die das Abstandhalten unterstützen sollen – das ist jedoch wegen des Personalmangels unmöglich.“ Aus demselben Grund, so Patrizia, finde ungeachtet der teilweise zeitversetzten Pausen obendrein auch eine Durchmischung der Gruppen statt.

Wie die World Socialist Web Site wiederholt erklärt hat, werden Schulen und Kindertagesstätten unter diesen Bedingungen – die an Einrichtungen in ganz Deutschland und Europa herrschen – zu regelrechten Brutstätten für das Coronavirus. Welche politisch kriminelle Rolle die Schul- und Gesundheitsbehörden der Bundesländer dabei spielen, Neuinfektionen zu vertuschen, kritische Pädagoginnen und Pädagogen einzuschüchtern und den Regelbetrieb gegen alle Warnungen und Widerstände durchzusetzen, zeigte sich an Patrizias Einrichtung bereits unmittelbar nach den Sommerferien innerhalb der ersten Tage der vergangenen Woche:

„Bereits am Montag nach den Schulferien gab es Verdachtsfälle, weil in mehreren Familien positive Fälle bekannt wurden – doch da die betroffenen Eltern zu dem Zeitpunkt noch auf ihr Testergebnis warteten, waren sämtliche Kinder zur Schule gekommen. Am Dienstag wurde dann tatsächlich bei vier Kindern eine Infektion bestätigt.“

Von einer gemeinsamen Beratung mit ihren Kollegen und der Schulleitung ging Patrizia anschließend „fix und fertig“ nach Hause. „Die Schule weigert sich, zu reagieren“, berichtet sie. „Die Rektorin meldet falsche Daten an das Gesundheitsamt und verschweigt die Durchmischung der Gruppen, die eine Folge des Personalmangels ist. Nur die ‚formal‘ zuständigen Lehrer und Gruppenerzieher sollen in Quarantäne, obwohl wir in Wirklichkeit alle täglich mit verschiedenen Gruppen in Kontakt kommen. Eine Kollegin von mir hat starke Symptome – auch ich habe mich auf einen Verdacht hin testen lassen.“

Patrizia und ihre Kollegen wiesen die Schulleitung explizit darauf hin, dass alle Erzieherinnen und Erzieher als Kontaktpersonen von Infizierten anzusehen sind. Doch obwohl sie sich unter diesen Bedingungen gemeinsam weigerten, mit ihrer regulären Anwesenheit weitere Kinder und Kollegen in Gefahr zu bringen, wurde eine allgemeine Quarantäne erst bewilligt, nachdem eine Mitarbeiterin persönlich bei der Gesundheitsbehörde vorstellig wurde und die reale Situation schilderte.

„Unterdessen arbeiten die Lehrer unserer Einrichtung unverändert weiter und kommen nicht in Quarantäne“, fügt sie hinzu. „Wenn es nach den Behörden und der Schulleitung gegangen wäre, wären auch wir nicht in Quarantäne gekommen.“ Die Isolationszeit selbst sei zugleich auf wenige Tage verkürzt worden, sodass alle Mitarbeiter seit dem heutigen Montag wieder zur Arbeit erwartet werden. „Die Gesundheitsbehörden arbeiten meiner Meinung nach nicht korrekt. Sie schauen sich die Lage vor Ort überhaupt nicht an – ich glaube, die haben noch nie etwas von Aerosolen gehört.“

Nach ihrem mutigen Schritt sahen sich Patrizia und ihre Kollegen vonseiten der Schulleitung und Teilen der Elternschaft mit heftigen Vorwürfen konfrontiert. „Die psychische Belastung für uns ist immens“, sagt sie. „Ich gebe uns zwei Wochen, dann können wir uns einweisen lassen. Wenn wir nichts tun, wird es immer so weitergehen. Das Schlimme ist, dass es in ganz Baden-Württemberg so abläuft. Wir dürfen uns nicht mit der Presse unterhalten, wir dürfen uns nicht politisch äußern. Das steht in unserem Arbeitsvertrag und es hat deswegen schon Ärger gegeben.“

Mit Blick auf die Politik der jahrzehntelangen absichtlichen Unterfinanzierung von Bildungseinrichtungen, der Verweigerung von Massentests durch die zuständigen Gesundheitsbehörden und ihre widerwillige Anordnung von Quarantänemaßnahmen schlussfolgert Patrizia: „Ich denke, das Ganze ist politisch gewollt, die Corona-Fälle ‚dürfen nicht sein‘.“

Diese Einschätzung wird mittlerweile von immer mehr betroffenen Eltern und Pädagogen aus dem ganzen Bundesgebiet bestätigt. Sandra*, deren Sohn ein Gymnasium in Bochum besucht, berichtete der WSWS von ihrem eigenen Kampf gegen die Vertuschung der Schul- und Gesundheitsbehörden.

„Es ist jetzt der vierte Infizierte an ‚unserem‘ Gymnasium“, sagt sie. „Aber der Unterricht läuft weiter. Das Gesundheitsamt weigert sich sogar, die Kontaktpersonen korrekt zu erfassen. Sie werden einfach nicht dokumentiert, es sei denn, die Betroffenen oder die Schulen benennen sie namentlich. Das neu gebildete Team der Gesundheitsbehörde arbeitet ohne Kontaktadresse, ohne Telefonnummer, ohne E-Mail-Adresse und ohne Gesicht. Dieses undurchsichtige ‚Geheimteam‘ trägt jetzt die Verantwortung, recherchiert und macht Vorgaben – darf sich jedoch völlig der Öffentlichkeit entziehen.“

Sandra ist selbst diplomierte Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin und hat vor Beginn der Pandemie in Schulen gearbeitet. „Wie sich inzwischen herausstellte, hat mein Sohn Kontakt zu Kindern eines betroffenen Jahrganges gehabt. Er hat zweideutige Symptome, wurde von der Schule aber nicht [als Kontaktperson] benannt, ist also nicht erfasst. Auf meine Anfrage an den Stadtrat kam eine Art Standardschreiben mit scheinbar persönlichen Passagen.“

In dem Schreiben, das Sandra in einer Facebook-Gruppe auszugsweise veröffentlicht hat, heißt es, ihr Sohn unterliegt „keiner Kontaktkategorie und es müssen keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden“. Es stehe Sandra zwar frei, ihr symptomatisches Kind „über einen niedergelassenen Arzt auf Corona testen zu lassen“ – doch ob „ein Test durch die Krankenkassen übernommen wird“, könne das Amt „nicht beurteilen“. Überhaupt solle Sandra am besten „nichts unternehmen“.

Falls ihr Sohn sich infiziert habe, so Sandra, habe sie jetzt einen schriftlichen Beleg dafür, dass die Behörden „keine weiteren Maßnahmen“ für „nötig“ erachten, um Ansteckungen und Massenausbrüche zu verhindern. „Sollte mein Sohn Corona haben – was der Test ja zeigen wird – dann wird er womöglich noch zum ‚Schul-Infizierer‘ gemacht, anstatt als Schul-Infizierter wahrgenommen zu werden.“

Die Kinderärztin hätte sich unterdessen geweigert, „den Test über die Krankenkasse abzurechnen“ – und zwar mit der Begründung, dass „mein Sohn kein Corona habe, weil das Gesundheitsamt sonst ja den Test vollzogen hätte“. Und dies, obwohl es das Amt gewesen war, das sie für einen Test überhaupt erst an „einen niedergelassenen Arzt“ verwiesen hatte.

Die Vertuschung von Corona-Fällen an Schulen und Kitas verdeutlicht, dass es den Regierungen und Behörden in keiner Weise um das Kindeswohl geht. Sie wollen die Kinderbetreuung zu jedem Preis offen halten, um Arbeitsausfälle zu vermeiden und die Profite der Unternehmen zu sichern. Gegen diese Politik des Todes gründen sich auf der ganzen Welt Aktionskomitees für sichere Bildung. Wir rufen Leser auf, sich jetzt dafür zu registrieren und uns ihre eigenen Erfahrungen zu berichten.

* Patrizias und Sandras Namen haben wir auf ihren Wunsch hin geändert.

Siehe auch:

Profit statt Kindeswohl: Kita-Erzieher und Kinder werden täglich vermeidbaren Gefahren ausgesetzt

[18. September 2020]

Spanien: Covid-19-Ausbrüche an hunderten Schulen befeuern Streikbewegung

[18. September 2020]

Hamburg: Behörden vertuschen Covid-19-Infektionen an Schulen

[19. August 2020]

Gründet unabhängige Aktionskomitees für die Sicherheit von Pädagogen, Schülern und Eltern!

[10. September 2020]

Stoppt die Schulöffnungen! Bereitet einen Generalstreik vor!

[14. August 2020]