Autor von „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“

100 Jahre seit dem Tod des sozialistischen Journalisten John Reed

Von Sandy English und James Macdonald
12. Dezember 2020

Mitte Oktober jährte sich zum 100. Mal der vorzeitige Tod des amerikanischen Revolutionärs und sozialistischen Journalisten John Reed. Der Autor von Zehn Tage, die die Welt erschütterten, einem großartigen Bericht aus erster Hand über die russische Revolution, starb am 17. Oktober 1920 in Moskau an Typhus, fünf Tage vor seinem 33. Geburtstag.

John Reed

W.I. Lenin, der mit Leo Trotzki 1917 die Oktoberrevolution anführte, schrieb 1919 in einer Einleitung zu Zehn Tage, die die Welt erschütterten: „Ich möchte es [Reeds Buch] den Arbeitern in aller Welt von ganzem Herzen empfehlen. Dies ist ein Buch, das ich in Millionen von Exemplaren verbreitet und in alle Sprachen übersetzt wissen möchte.“ Das Buch hat seit seinem Erscheinen einen besonderen Platz in den Herzen und Köpfen der klassenbewussten Arbeiter eingenommen. Es kann immer noch „von ganzem Herzen“ empfohlen werden. Zehn Tage, die die Welt erschütterten ist hier beim Mehring Verlag als Taschenbuch und E-Book erhältlich.

Vielen dürfte der Name John „Jack“ Reed aus dem Film Reds von1981 bekannt sein, in dem Warren Beatty den unerschrockenen und prinzipientreuen Journalisten porträtierte und für den er den Oscar als bester Regisseur gewann.

Was der Film jedoch unter anderem nicht vermitteln kann, ist die vitale, starke und poetische Qualität, die Reeds Schriften in seiner Zeit und für spätere Generationen so einflussreich machte. Reds deutet nur die ganze Komplexität des Mannes an, der, mehr als jeder amerikanische Schriftsteller seiner Generation, den Forderungen seines politischen Gewissens bis zu ihren revolutionären Schlussfolgerungen folgte.

Cover des Mehring Verlags, nach der Gestaltung der deutschen Erstausgabe von 1922

John Reed wurde am 22. Oktober 1887 in Portland (Oregon) als Sohn einer Familie der oberen Mittelschicht geboren. Der Vater seiner Mutter, Henry Dodge Green, war ein wohlhabender Industrieller und sein Haus ein Treffpunkt der vornehmsten gesellschaftlichen Kreise in Portland.

Reed wuchs in der Ära der vollständigen Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus auf. In den 30 Jahren nach dem Bürgerkrieg entwickelten sich die USA zu einer modernen Industriemacht. In diesen Jahrzehnten konnten sich die berüchtigten Räuberbarone bereichern, und 1898 begannen die USA ihren ersten imperialistischen Krieg, indem sie von Spanien die Philippinen und Kuba eroberten.

Die Stadtbevölkerung schwoll in dieser Zeit an, die auch eine Zeit der großen Einwanderung war. Die Arbeiterklasse entwickelte sich zu einer mächtigen Kraft, die in einer Reihe erbitterter Streikkämpfe ihre Entschlossenheit zum Ausdruck brachte, die unersättliche herrschende Klasse zu bekämpfen.

Reeds Vater, C.J. Reed, war ein Vorkämpfer gegen die politische Korruption in Oregon und setzte sich in seiner Eigenschaft als U.S. Marshal für die Interessen der Holzindustrie ein. Da C.J. Reed selbst nicht aufs College gegangen war, wollte er unbedingt, dass sein Sohn Jack nach Harvard geht, und setzte sich für ihn ein, als dieser seine Aufnahmeprüfung nicht bestand. Jack wurde beim zweiten Versuch an die Universität aufgenommen. Reed arbeitete an mehreren Harvard-Publikationen mit und verfeinerte so seine journalistischen und redaktionellen Fähigkeiten. Er schrieb und veröffentlichte auch eine Menge Gedichte und wurde Mitglied des neu gegründeten Harvard Socialist Club.

Reed, der sich 1911 in Greenwich Village niederließ, lebte im Zentrum der Bohème-Kultur des Viertels. In Village wohnten Persönlichkeiten wie der Dichter Hart Crane, der „skandalöse“ Romanautor Henry Miller (der kurz vor seinem Tod Reeds Milieu in Reds beschreibt) und der Dramatiker Eugene O’Neill.

Hier stellte sich Reed als berufstätiger Schriftsteller und Redakteur bei The American Magazine (gegründet 1906) der Herausforderung, seinen Lebensunterhalt unter Bedingungen zu verdienen, unter denen ernsthafte Kunst nicht einmal für die Miete reicht. Für Reed bedeutete „seriöse Kunst“ noch immer seine Poesie, die heute nach mehr als einem Jahrhundert nicht mehr viel Eindruck macht. Er ergänzte sein Einkommen bei The American durch den Verkauf von Kurzgeschichten, die in einigen Fällen einen lebendigen Eindruck des damaligen Lebens vermitteln.

Als Reed jedoch Manhattan – seine Paläste und sein Elend – kennenlernte, wurde ihm klar, dass in der amerikanischen Gesellschaft etwas grundlegend falsch lief. In einem späteren Essay mit dem Titel „Fast Dreißig“, das er in den Monaten vor seiner Reise nach Russland verfasste, wo er die Oktoberrevolution miterleben sollte, erinnerte sich Reed an das politische Erwachen seiner frühen Zwanzigerjahre:

Im Großen und Ganzen haben mir Ideen allein nicht viel bedeutet. Ich musste selbst sehen. Bei meinen Streifzügen durch die Stadt kam ich nicht umhin, die Hässlichkeit der Armut und ihren ganzen Zug des Bösen zu beobachten, die grausame Ungleichheit zwischen reichen Menschen, die zu viele Autos hatten, und armen Menschen, die nicht genug zu essen hatten. Die Erkenntnis, dass die Arbeiter den ganzen Reichtum der Welt produzierten, der an diejenigen ging, die ihn nicht erwirtschaftet hatten, kam bei mir nicht aus den Büchern.

Als Reed von einem neuen Kunst- und Feuilletonmagazin mit einer entschieden sozialistischen Ausrichtung namens The Masses (gegründet 1911) hörte, stellte er sich umgehend dem Herausgeber Max Eastman vor und stieg sowohl als Herausgeber als auch als Mitarbeiter ein. Eastman übersetzte später viele Werke von Leo Trotzki ins Englische.

The Masses, 1914, ein Titelbild von John Sloan

Obwohl die Zeitschrift ihn nicht bezahlen konnte, empfand Reed die Arbeit für diese wichtige Publikation als besonders erfüllend. The Masses veröffentlichte 1916 die ersten Geschichten von Sherwood Anderson, die später in dem bahnbrechenden Werkzyklus Winesburg, Ohio, gesammelt wurden. In der Zeitschrift erschienen Werke von Jack London, dem Romancier Floyd Dell und den Dichtern Carl Sandburg und Amy Lowell. Die Maler John Sloan, George Bellows und Pablo Picasso steuerten Illustrationen bei.

1913 erwies sich Reed als besonders empfänglicher Zuhörer, als er in einer Wohnung in Greenwich Village William „Big Bill“ Haywood, den Führer der Industrial Workers of the World (IWW), der linkssyndikalistischen Bewegung, kennen lernte. Reed hörte zu, wie Haywood die sich entwickelnde Situation im nahe gelegenen Paterson (New Jersey) beschrieb, wo Seidenarbeiter streikten und von der Polizei verprügelt und eingesperrt wurden. Reed reagierte, vielleicht zum ersten Mal, nicht nur als Journalist, sondern nahm auch Partei. Er war entschlossen, den Streik bekannt zu machen und den Arbeitern zu helfen.

Anführer des Paterson-Seidenstreiks Patrick L. Quinlan, Carlo Tresca, Elizabeth Gurley Flynn, Adolph Lessig und Bill Haywood, 1913

Kurz nach seiner Ankunft in Paterson trieb der von Natur aus aufsässige Reed einen aggressiven Polizeibeamten dazu, ihn zu verhaften. Im Bezirksgefängnis, das mit streikenden Migranten überfüllt war, freundete er sich mit den Arbeitern an – „sanfte, aufmerksame, tapfere Männer, geadelt durch etwas, das größer ist als sie selbst“ – und zeichnete ihre Geschichten auf. Dass „etwas Größeres“, der Klassenkampf, am Werk ist, kann man in dem Artikel sehen, den Reed für The Masses schrieb („Krieg in Paterson“), der mit den Worten beginnt:

Es herrscht Krieg in Paterson, New Jersey. Aber es ist eine seltsame Art von Krieg. Die ganze Gewalt ist das Werk von einer Seite – den Mühlenbesitzern. Ihre Diener, die Polizei, verprügeln widerstandslose Männer und Frauen und reiten auf Pferden die Menge nieder, obwohl diese sich ans Gesetz hält. Ihre bezahlten Söldner, bewaffnete Detektive erschießen und töten unschuldige Menschen. Ihre Zeitungen ... veröffentlichen aufhetzende Aufrufe, die zu Verbrechen und Gewalt des Mobs gegen die Streikführer anstacheln... Sie kontrollieren voll und ganz die Polizei, die Presse, die Gerichte. 

Die Lage der Seidenarbeiter bewegte Reed so sehr, dass er eine Aufführung im Madison Square Garden organisierte, bei dem die echten Arbeiter darstellten, welche mühsame Arbeit sie verrichteten und wie sie als Streikende von der Polizei behandelt werden.

Reeds bekanntestes Werk ist Zehn Tage, die die Welt erschütterten (1919), aber er schrieb auch andere herausragende Reportagen, darunter einen Bericht über seine Erfahrungen mit der Armee von Pancho Villa während der mexikanischen Revolution unter dem Titel Eine Revolutionsballade. Mexico 1914 (engl. Insurgent Mexico). Das fesselnde Werk lässt den Leser in das raue, gewalttätige Leben von Villas Armee La Tropa und ihren Gefolgsleuten, eintauchen.

Pancho Villa (Mitte) im Dezember 1913, als seine División del Norte der revolutionären konstitutionalistischen Armee gegen den Diktator Victoriano Huerta kämpfte.

Wie schon in Paterson sympathisierte Reed nicht nur politisch mit den revolutionären Bauern, sondern bewunderte sie auch bald und wollte ihren Respekt, den er sich mit Stolz verdiente. In der Revolutionsballade schildert er seine Aufnahme in die La Tropa mit einer Flasche Sotol:

„Trink es“, riefen sie im Chor, als die Truppe sich zusammendrängte, um zu sehen. Ich trank es. Ein Geheul von Gelächter und Applaus schwoll an. Fernando beugte sich vor und ergriff meine Hand. „Gut für dich, companero!“, brüllte er und wälzte sich vor Lachen ... Kapitän Fernando beugte sich vor und tätschelte meinen Arm. „Jetzt gehörst du zu den Männern (los hombres). Wenn wir die Revolución gewinnen, wird es eine Regierung der Männer sein, – nicht der Reichen. Wir reiten über das Land der Männer. Früher gehörte es den Reichen, aber jetzt gehört es mir und den Compañeros.“ 

Das Material, das Reed in die USA zurückschickte und in der Zeitschrift The Metropolitan veröffentlichte, machte ihn zu Amerikas wichtigstem Kriegskorrespondenten. Er schrieb zugleich impressionistisch und klarsichtig, bildhaft und offen.

Sicherlich hätte sich Reed und der Welt kein schlimmeres Beispiel brutaler Unterdrückung präsentieren können als das Ludlow-Massaker im April 1914, der grausame Höhepunkt des lang andauernden Streiks der Bergarbeiter im Süden Colorados im Winter 1913–1914. Nachdem er über das Massaker gelesen hatte, brach Reed sofort nach Las Animas County auf.

Ruinen der Kolonie Ludlow in der Nähe von Trinidad (Colorado) nach einem Angriff der Nationalgarde von Colorado im Jahr 1914.

Dort untersuchte er sehr genau den Schauplatz des Massakers, bei dem Milizionäre der Nationalgarde, die von John D. Rockefellers Colorado Fuel and Iron Company angeheuert worden waren, schätzungsweise 26 Bergleute, ihre Frauen und Kinder getötet hatten. Einige wurden mit Maschinengewehren erschossen, andere absichtlich in Zelten verbrannt, in denen die Bergleute während des Streiks gelebt hatten.

Reed schrieb im Juli 1914 einen langen, vernichtenden Artikel für denMetropolitan, „Der Colorado-Krieg“, in dem die mörderische Gewalt der Rockefellers ausführlich beschrieben wurde. „Ich kam etwa zehn Tage nach dem Massaker von Ludlow nach Trinidad [Colorado, 24 Kilometer von Ludlow]“, schrieb Reed. Weiter in dem Artikel erklärte er:

Am nächsten Tag fuhr ich nach Ludlow, um den Einzug der Bundestruppen und den Abzug der Milizen zu beobachten. Die Zeltkolonie, oder wo die Zeltkolonie gelegen hatte, war ein großer Platz mit grässlichen Ruinen. Öfen, Töpfe und Pfannen, die noch halb voll waren mit Essen, das an diesem schrecklichen Morgen gekocht worden war, Kinderwagen, Haufen halb verbrannter Kleider, Kinderspielzeug, das von Kugeln zerfetzt war, die versengten Münder der Zeltkeller und das Kinderspielzeug, das wir am Boden des „Todeslochs“ fanden – das war alles, was von dem gesamten weltlichen Besitz von 1200 armen Menschen übrig geblieben war. Am Bahnhof warteten etwa fünfzig Milizionäre auf den Zug – Jungs mit den dummen, bösartigen Gesichtern von Gammlern an den Saloon-Ecken. Nur wenige trugen Uniform, denn viele von ihnen waren Minenwächter, die eiligst eingezogen wurden. Als die regulären Soldaten ihren Zug verließen, sagte ein Milizionär lauthals, damit die Milizoffiziere ihn hören konnten: „Ich hoffe, diese Proleten töten einen Soldaten, damit sie reingehen und die ganze Bande auslöschen. Wir haben bei dieser Zeltkolonie wirklich gute Arbeit geleistet.“

Im August desselben Jahres wurde die Welt von der bis dahin größten Umwälzung der Neuzeit heimgesucht. In Europa brach der Erste Weltkrieg aus. Reed ging als Korrespondent für The Metropolitan nach Italien. Er fuhr nach Frankreich, wo er zweimal versuchte, die Front zu erreichen, aber verhaftet wurde und beide Male umkehren musste. Dann ging er nach London, wo er einen langen Artikel über England in Kriegszeiten schrieb, in dem er zeigte, dass sich der Patriotismus auf die Oberschicht beschränkte. The Metropolitan lehnte den Artikel ab.

In „Der Krieg der Kaufleute“, geschrieben aus London und veröffentlicht in The Masses im September, skizzierte Reed die Geschichte der imperialistischen Wirtschaftsrivalitäten zwischen Großbritannien, Frankreich und Deutschland und erklärte, dass der Krieg nichts anderes als eine Fortsetzung dieser Konflikte sei. (In einer bemerkenswerten Szene in Reds wird Reed [Beatty] bei einem Treffen des Liberal Club in Portland (Oregon) gefragt, worum es seiner Meinung nach „bei diesem Krieg geht“; er erhebt sich und antwortet mit einem Wort: „Profite“).

Reed kehrte nach Frankreich zurück und machte sich im Dezember über die Schweiz auf den Weg nach Deutschland. In Berlin konnte er ein Interview mit dem revolutionären Sozialisten Karl Liebknecht führen, der sich als Einziger im deutschen Reichstag geweigert hatte, für die Finanzierung des Krieges zu stimmen. Als Reed ihn nach „den Chancen der Weltrevolution“ fragte, antwortete Liebknecht: „Meiner Meinung nach kann aus diesem Krieg nichts anderes hervorgehen.“

Reed und anderen amerikanischen Korrespondenten gelang es nach langen Verzögerungen, die Erlaubnis für einen Besuch der deutschen Front in Nordfrankreich zu erhalten. Auf dem Weg dorthin wurden sie von deutschen Offizieren bewirtet und sahen die Schrecken des Grabenkrieges. Er schrieb Artikel über diese Erfahrungen für The Metropolitan und kehrte im Januar 1915 in die USA zurück.

John Reed, um 1915

Reed blieb nur ein paar Monate in seiner Heimat. Da er im März keine Erlaubnis erhielt, Frankreich erneut zu besuchen, bat ihn The Metropolitan, über den Krieg in Osteuropa zu berichten. Mit dem Künstler Boardman Robinson besuchte er Serbien, Rumänien, Bulgarien und Russland.

Fast die Hälfte der Artikel, die er schrieb – auch wenn Reed dies damals noch nicht wissen konnte –, handelte von den letzten Tagen des Zarenreiches, wo in der Armee die ganze Trunksucht, Brutalität und Korruption organisierte Gestalt annahm. In einem Artikel, „Eine optimistische Pilgerfahrt“, der den Leser auch 105 Jahre später noch bewegt, geht Reed durch ein jüdisches Dorf in der Nähe von Rovno in der heutigen Ukraine und beobachtet den Schmutz und die Armut der Juden und ihre Unterdrückung durch die Russen. Einer seiner Führer, ein russischer Armeeoffizier, beklagt, dass alle Juden Verräter an Russland seien.

Die Szenen aus Serbien sind schockierend. Serbien war das erste Land, das als Reaktion auf die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand 1914 von der österreichisch-ungarischen Monarchie überfallen wurde, und befand sich mitten in einer Typhus-Epidemie. Reed besuchte ein Krankenhaus für die Erkrankten:

Wir betraten eine Baracke, an deren Wänden Feldbetten lagen, die sich berührten, und im schwachen Licht zweier Laternen konnten wir die Patienten sehen, die sich in ihren schmutzigen Decken wanden, fünf oder sechs in zwei Betten zusammengepfercht. Einige saßen und aßen apathisch, andere lagen wie die Toten, wieder andere stöhnten kurz grunzend oder schrien plötzlich im Delirium.

Österreichisch-ungarisches Erschießungskommando, das 1917 serbische Zivilisten hinrichtet.

Als Reed Ende 1915 aus Europa zurückkehrte, hatte sich die offizielle politische Atmosphäre in den USA nach rechts verschoben: eine Kampagne zur „Kriegsvorbereitung“ war im Gange, und die öffentliche Haltung der Mittelklasse war antideutsch geworden. Er zog mit der Frau, die er später heiratete, der Journalistin Louise Bryant, ebenfalls aus Oregon, zurück nach Greenwich Village. Zu dieser Zeit freundete er sich mit Eugene O’Neill an. Reed, O’Neill, Bryant und einige aus ihrem Umfeld schrieben und führten im Sommer 1916 in Provincetown (Massachusetts) Theaterstücke auf.

Wegen seiner Antikriegspositionenweigerte sichThe Metropolitan, ihn nach Europa zurückzuschicken. Doch im Frühjahr 1917 ereigneten sich zwei weitere weltbewegende Ereignisse. Im März wurde der russische Zar, Nikolaus II., gestürzt, und im April traten die Vereinigten Staaten in den Weltkrieg ein.

Während des gesamten Frühjahrs und Sommers 1917 schrieb Reed Antikriegsartikel für The Masses. Im August hatte er beschlossen, dass er die Revolution in Russland mit eigenen Augen sehen musste. Reed kam am 13. September in Petrograd an, kurz nach dem Putschversuch gegen die bürgerliche Provisorische Regierung durch den zaristischen General Lawr Kornilow. Der Putsch scheiterte vor allem wegen der Mobilisierung der Arbeiter und Soldaten durch die Bolschewiki.

Durch Verbindungen in New York, darunter Bolschewiki wie W. Wolodarskij, lernte Reed die Führer dieser Partei kennen, die nun den Sturz der Provisorischen Regierung und ihre Ablösung durch eine Regierung der Sowjets vorbereiteten.

Er eilte in Petrograd von Ort zu Ort, sammelte Flugblätter und Proklamationen und dokumentierte die Standpunkte der einzelnen Parteien. Er interviewte Führer der verängstigten kapitalistischen Parteien, und er sah, wie Lenin und Trotzki vor Tausenden von Arbeitern Reden hielten. Reed selbst sprach mit unzähligen anderen bolschewistischen Führern, Arbeitern, Soldaten und Matrosen, während sie sich der historischen Aufgabe widmeten, eine Regierung der Arbeiterklasse zu errichten. Er war Zeuge der bolschewistischen Machtergreifung und nahm an der berühmten Erstürmung des Winterpalais sowie an dem anschließenden Kampf der neuen Sowjetregierung gegen die Konterrevolution teil.

Nach der Einnahme des Winterpalais. Petrograd, November 1917.

Für den Rest des Jahres blieb Reed im jungen Sowjetrussland. Er arbeitete für das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten und wurde kurzzeitig zum sowjetrussischen Konsul in den USA ernannt. Anfang 1918 hatte er seine ersten langen Gespräche mit Lenin und Trotzki. Bald danach reiste er ab, wurde aber in Finnland bis April von der nationalistischen Regierung inhaftiert.

Bei seiner Rückkehr nach New York wurde er auf dem Dock von Regierungsbeamten empfangen, die seine Papiere beschlagnahmten und ihn am nächsten Tag vor Gericht vorladen ließen. Reed wurde im Rahmen des Spionagegesetzes wegen eines Artikels aus dem Jahr 1917 angeklagt, den er in The Masses veröffentlicht hatte: „Knit a strait-jacket for your soldier boy“ (Strickt eine Zwangsjacke für Euren Soldatenjungen), in dem beschrieben wird, was wir heute als posttraumatische Belastungsstörung bezeichnen.

Reed übernahm die Aufgabe, die Revolution vor einem amerikanischen Publikum zu verteidigen, in Artikeln wie „Sowjets in Aktion“ und „Die Struktur des Sowjetstaates“, die im Herbst 1918 in The Liberator (dem Nachfolger von The Masses) veröffentlicht wurden.

Zu dieser Zeit nahm er den Kampf für die Ideen des Bolschewismus im linken Flügel der American Socialist Party auf, gemeinsam mit Louis Fraina und anderen Anhängern der Russischen Revolution in der Zeitschrift The Revolutionary Age. Seine Unterlagen aus Russland wurden ihm zurückgegeben, und er arbeitete fieberhaft an seiner Beschreibung der Ereignisse, die er im Oktober/November 1917 erlebt hatte. Eastman berichtete später, dass Reed das Buch in bemerkenswert kurzer Zeit schrieb, eingeschlossen in einem Zimmer in Greenwich Village, ohne irgend jemanden zu sehen, nur zum Essen kam er heraus.

Im März 1919 wurde das Ergebnis dieser Bemühungen, Zehn Tage, die die Welt erschütterten, veröffentlicht. Es war der Höhepunkt von Reeds Entwicklung als Journalist. Er verband seine eigenen Beobachtungen und Gespräche mit der gewissenhaften Veröffentlichung der Dokumente der Revolution selbst, die er gesammelt hatte.

So beschreibt Reed das Hauptquartier der Bolschewiki, das Smolny-Institut, eine ehemalige Mädchenschule der Oberschicht in zaristischer Zeit (nur acht Monate zuvor!) am Tag des Aufstands, dem 7. November:

Wir waren am Smolny, dessen massige Fassade ganz in Licht getaucht war. Aus dem Dämmer der angrenzenden Straßen ergossen sich endlose Scharen dunkler Gestalten. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen von Automobilen und Motorfahrrädern. Aus dem Torweg ratternd ein riesiges elefantenfarbenes Panzerauto mit zwei vom Turm flatternden roten Fahnen. Es war kalt, und die am äußeren Tor postierten Rotgardisten hatten sich ein Feuer angezündet. Auch am Innentor ein Feuer, bei dessen flackerndem Schein die Wachen schwerfällig unsere Pässe durchbuchstabierten und uns von oben bis unten musterten. … Aus dem Treppenhaus wälzte sich eine dunkle Menge: Arbeiter in Blusen und runden schwarzen Pelzhüten, die meisten mit Gewehren bewaffnet; Soldaten in rauen, schmutzigfarbenen Mänteln und grauen, flachgedrückten Pelzmützen ...

Bei dieser Gelegenheit trifft Reed auf den bolschewistischen Führer Lew Kamenew. Kamenew liest ihm, aus dem Russischen ins Französische übersetzend, die erste Proklamation der neuen Sowjetregierung vor, die gerade in der Sitzung verabschiedet wurde: „Die neue Arbeiter-und-Bauernregierung wird sofort allen kriegführenden Völkern einen gerechten demokratischen Frieden anbieten [...] Der Sowjet ist überzeugt, dass das Proletariat der westeuropäischen Länder uns helfen wird, die Sache des Sozialismus zum vollen und dauernden Siege zu führen.“

Und Reeds Beschreibung von Lenin sticht heraus:

In ärmlichen Kleidern, mit Hosen, viel zu lang für ihn. Unempfänglich für den Beifall der Menge und doch geliebt und verehrt, wie selten ein Führer gewesen. Ein Volksführer eigener Art – Führer nur dank der Überlegenheit seines Intellekts, farblos, humorlos unnachgiebig. Als Redner nüchtern, aber mit der Fähigkeit tiefe Gedanken in einfache Worte zu kleiden, die Analyse konkreter Situationen zu geben, und verbunden mit großem Scharfsinn eine außerordentliche Kühnheit des Denkens. 

(Eine aufschlussreiche Beschreibung, abgesehen von der Charakterisierung Lenins als „farblos“ und „humorlos“, was alles andere als der Fall war!)

Zehn Tage, die die Welt erschütterten ist eine künstlerische Errungenschaft nicht nur der russischen Revolution, sondern auch der amerikanischen und der Weltliteratur. Die Tatsache, dass das Buch ein anderes großes Werk inspirierte, das des sowjetischen Filmemachers Sergej Eisenstein, Oktober (1928), verleiht ihm einen einzigartigen Platz in der Kulturgeschichte.

Reed entdeckte das Drama der Revolution in ihrer eigener Handlung, in der schnellen und scharfen Reaktion der Klassen aufeinander bei der Verfolgung ihrer gesellschaftlichen Ziele, die nicht nur durch Waffengewalt, sondern auch durch tiefgründiges politisches Denken zum Ausdruck kommt. Es gelang ihm, dies in Erzählung und Beschreibung zu übersetzen.

In Zehn Tage, die die Welt erschütterten sprach die Stimme der Revolution zum ersten Mal in ihrer ganzen Wortgewandtheit zur Welt. Das kommentierte Lenin in seinem berühmten, oben erwähnten Vorwort zu dem Buch:

Mit größtem Interesse und nicht erlahmender Aufmerksamkeit las ich John Reeds Buch Zehn Tage, die die Welt erschütterten. ... Es gibt eine wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse, die für das Verständnis der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind. Diese Probleme werden gegenwärtig weit und breit diskutiert, aber bevor man diese Ideen annimmt oder verwirft, muss man die ganze Bedeutung einer solchen Entscheidung begriffen haben. Ohne Zweifel wird John Reeds Buch zur Klärung dieser Frage beitragen, die das Grundproblem der internationalen Arbeiterbewegung ist.

Im Sommer 1919 war Reed an der Gründung der Kommunistischen Arbeiterpartei (einer der Vorläufer der im Mai 1921 gegründeten Kommunistischen Partei) beteiligt, als diese sich von der opportunistischen Sozialistischen Partei abspaltete. Im Oktober reiste er erneut nach Sowjetrussland und nahm als amerikanischer Delegierter am Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale teil, der vom 19. Juli bis 7. August 1920 stattfand. Im Anschluss daran nahm Reed am Kongress der Völker des Ostens in Baku in Sowjet-Aserbaidschan teil, einer von der Kommunistischen Internationale organisierten Versammlung von 1.900 Delegierten aus ganz Asien und Europa, die am 1. September eröffnet wurde.

Grigorij Sinowjew hielt die Grundsatzrede vor dem Kongress der Völker des Ostens, 1920

Der französische Sozialist Alfred Rosmer brachte in seinen Erinnerungen Moskau zu Lenins Zeiten eine bekannte Beschreibung, wie Reed auf dem Kongress in Baku spricht, einer Stadt, die für ihre Erdölindustrie berühmt ist. Reed, der ein paar Worte Russisch gelernt habe, „erzielte einen wirklichen Erfolg; er warf den Zuhörern die Frage zu: ‚Wisst ihr nicht, wie sich Baku auf Amerikanisch ausspricht? Es lautet oil!‘ Die ernsten Gesichter wurden plötzlich von Lachsalven erschüttert.“

Reed kehrte am 15. September nach Moskau zurück, erkrankte an Typhus und starb am 17. Oktober. Es heißt, er hätte überlebt, wenn die amerikanische Regierung kein Medikamentenembargo gegen Sowjetrussland verhängt hätte.

Rosmer schildert in seinem Buch: „In Moskau erwartete uns eine traurige Nachricht. John Reed, der vor uns zurückgekehrt war, lag im Hospital mit Typhus. Um ihn zu retten, wurde keine Anstrengung gespart: Doch alles war vergeblich; einige Tage darauf starb er. Seine Leiche wurde im großen Saal des Gewerkschaftshauses aufgebahrt. Am Tage der Beerdigung war der Winter bereits da: Schnee begann zu fallen. Wir waren niedergeschlagen.“

Rosmer fuhr fort: „Man gab ihm einen Platz an der Kremlmauer in dem Teil, der für die Helden reserviert ist, die im revolutionären Kampf gefallen sind. Die Abschiedsworte wurden für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei von [Nikolai] Bucharin gesprochen, und von [Alexandra] Kollontai für seine Genossen aus dem Exekutivkomitee. Louise Bryant, die nur angekommen war, um ihn noch sterben zu sehen, war da, vom Schmerz niedergeschmettert. All das war unendlich traurig.“

John Reed aufgebahrt in Moskau, 1920

Reeds Ansehen nach seinem Tod ist eng mit dem Schicksal der Russischen Revolution verbunden. Das stalinistische Regime, das im nächsten Jahrzehnt die Macht des Sowjetstaats an sich riss, konnte sich nicht an die Wahrheit über die Revolution und Trotzkis Rolle im Oktober 1917 halten, wie Reed sie dargestellt hatte. Stalin wird dort nur am Rande erwähnt, weil er bei der Machtergreifung praktisch keine Rolle gespielt hatte. Deshalb war Reeds Werk auf Drängen Stalins in der Sowjetunion jahrzehntelang faktisch verboten. 

Ebenso haben antikommunistische Kommentatoren in Europa und Amerika versucht, Zehn Tage, die die Welt erschütterten als eine rein literarische Leistung darzustellen. Einige haben fälschlicherweise behauptet, dass Reed nach Meinungsverschiedenheiten über die kommunistische Taktik im Jahr 1920 vom Marxismus enttäuscht war.

Trotz des stalinistischen und antikommunistischen Umgangs mit Reed und seinem Werk bleibt Zehn Tage, die die Welt erschütterten für Millionen von Arbeitern und Jugendlichen eine unverzichtbare Einführung in das folgenreichste Ereignis der Weltgeschichte. In einer Zeit, in der Millionen Menschen erneut vor der Frage der sozialistischen Revolution stehen, muss eine neue Generation sein Werk entdecken.

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John Reed

Zehn Tage, die die Welt erschütterten

Erschienen 2011

274 Seiten

Taschenbuch und E-Book

Hier beim Mehring Verlag erhältlich.

 

Siehe auch:

Zum 100. Todestag von John Reed: Vorwort zu „10 Tage, die die Welt erschütterten“
[24. Oktober 2020]

100 Jahre Oktoberrevolution
[8. November 2017]

Zum 150. Geburtstag Lenins
[23. April 2020]